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Am 30. November 1962 scheint, wie meistens in Los Angeles, die Sonne, doch George Falconer träumt vom Schnee. Genauer gesagt von dem Schnee, in dem sein Lebensgefährte Jim mit seinem Auto tödlich verunglückte. 16 Jahre lang waren die beiden ein Paar, doch nun wacht der Literaturprofessor seit acht Monaten jeden Morgen alleine auf, um ein Leben zu verbringen, aus dem alles Glück verschwunden ist. So sehr all seine Gedanken und Ge-fühle in der Vergangenheit gefangen zu sein scheinen, so wenig kann George noch die Zukunft sehen – und beschließt an diesem Tag, der Sinnlosigkeit seines Lebens ein Ende zu setzen.
Aus seiner Schreibtischschublade holt er einen Revolver und packt ihn vorsichtig in seine Arbeitstasche, doch davon abgesehen, unterscheidet sich an diesem Morgen nichts von seiner alltägliche Routine. Was um ihn herum passiert, lässt ihn gleichgültig, sei es ein Anruf seiner besten Freundin Charley, die Anwesenheit seines Dienstmädchens oder auch die Nachbarskinder, die lautstark und fröhlich im Garten spielen. Stattdessen kehren seine Gedanken immer wieder zurück zu Jim: zu den glücklichen Zeiten ihres Kennenlernens genauso wie zu jenem erschütternden Telefongespräch, in dem er von seinem Tod erfuhr.
Nicht viel anders geht es George bei der Arbeit am College. Wie ein Fremdkörper läuft er zwischen den Studenten über den Campus; dem Kollegen, der mit ihm seine Gedanken und Befürchtungen angesichts der allgegenwärtigen Kuba-Krise teilen will, schenkt er so gut wie keine Aufmerksamkeit. Nur in der Vorlesung über Aldous Huxley und sein Buch “Nach vielen Sommern” erwacht irgendwann die Leidenschaft in ihm, und er lässt sich zu einem flammenden Vortrag über die Angst hinreißen.
Seinen aufmerksamsten Zuhörer findet er dabei in dem jungen Studenten Kenny, der sich prompt an die Fersen seines Professors heftet und George bei einem Spaziergang über das Unigelände in ein angeregtes Gespräch über Unsicherheiten, Drogen und die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Männern verwickelt. Später kreuzen sich die Wege der beiden auf dem Parkplatz wieder. Doch Kennys Angebot, man könne gemeinsam etwas trinken gehen, schlägt George dankend aus.
Die Begegnung mit dem aufmerksamen jungen Mann bleibt nicht die einzige, die nach und nach Georges Lebensgeister wieder zu wecken scheint. In der Bank, wo er neben seiner Lebensversicherung und einem Ring auch ein altes Foto von Jim aus seinem Schließfach nimmt, trifft er auf das reizende Nachbarsmädchen und dessen Mutter, die ihn prompt zu einer Party einlädt. Und als er die Flasche Gin besorgt, die er abends mit zu Charley bringen will, läuft er einem bildschönen Fremden namens Carlos in die Arme, mit dem er nicht nur eine Zigarette, sondern auch sehnsüchtige Blicke in den bunten Himmel über Los Angeles teilt.
Abends, nachdem er mit der ihm üblichen Gründlichkeit alle Vorkehrungen für seinen geplanten Selbstmord getroffen hat, macht er sich auf zu seinem letzten Besuch bei seiner engsten Vertrauten Charley, die vor vielen Jahren in London auch mal mehr für ihn war als eine platonische Freundin. Die beiden trinken und tanzen, lachen und streiten bis in die Nacht hinein, wobei die Trauer um Jim auch in diesem ausgelassenen Ambiente nicht völlig zu verdrängen ist. Aber ganz langsam scheint es, als würde George vielleicht doch die Schönheit des Lebens auch in den vermeintlich kleinen Momenten wieder entdecken. Nicht zuletzt, als zu später Stunde, als er längst wieder nach Hause zurückgekehrt ist, plötzlich Kenny vor ihm steht.
Mit “A Single Man”, seinem Debüt als Kinoregisseur, ist Tom Ford auf Anhieb ein Film gelungen, dessen Schönheit und Einfühlsamkeit ihresgleichen suchen. Basierend auf der Romanvorlage von Christopher Isherwood erzählt der gefeierte Modeschöpfer in atemberaubend eleganten Bildern eine berührende Geschichte über die alles überdauernde Kraft der Liebe, die Tragik der Einsamkeit und die Bedeutsamkeit der scheinbar kleinen Momente im Leben.
Als Protagonist und Titelheld brilliert Colin Firth ( “Bridget Jones”) mit einer nuancierten und tief beeindruckenden Leistung, die ihm neben zahlreichen anderen Preisen den Darstellerpreis Coppa Volpi beim Filmfestival von Venedig und eine Oscar®-Nominierung als Bester Hauptdarsteller einbrachte. Unterstützt wird er von einem hochkarätigen Ensemble, zu dem außer der unvergleichlichen Julianne Moore ( “The Hours”) auch Matthew Goode ( “Match Point”) und Nicholas Hoult ( “About a Boy”) gehören. Die kraftvolle Musik stammt vom aufstrebenden Komponisten Abel Korzeniowski ( “Battle for Terra”).
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