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Independent-Filme, die aus Hollywood kommen, haben meist einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Fließband-Ware der großen Studios: sie sind schlicht interessanter. Leider haben sie meistens auch einen entscheidenden Nachteil: sie sind unausgegorener. Lee Daniels’ Regiedebüt “Shadowboxer” (2005) ist ein Paradebeispiel für diesen Zwiespalt.
Der Plot klingt zunächst vielversprechend: Mikey arbeitet gemeinsam mit seiner Stiefmutter Rose als Auftragskiller. Routiniert und ohne Mitgefühl oder Gewissensbisse erledigen sie ihre Arbeit, als wäre es ein gewöhnlicher Job. Das ist es aber natürlich nicht, und deshalb schweißt sie ihre Arbeit zusammen wie Pech und Schwefel - etwas zu sehr, denn ihre Beziehung ist nicht nur eng und innig, sie ist auch inzestuös - soweit man das bei einer Stiefmutter und ihrem Stiefsohn sagen kann. Ihr Leben ist ein symbiotischer Bund, ihre Arbeit kapselt sie von der Außenwelt und jeglicher Normalität vollkommen ab.
Eines Tages steht Rose vor einer hochschwangeren Frau, die sie erschießen soll, doch die Fruchtblase platzt, und Roses Mutterinstinkt erwacht. Sie zögert, schließlich entscheidet sie sich gegen ihren Auftrag und hilft der Schwangeren stattdessen, das Kind zur Welt zu bringen. Ausgelöst wurde dieser Gesinnungswandel durch die Erkenntnis ihrer eigenen Sterblichkeit: Rose weiß, dass sie an Krebs erkrankt ist und ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Zweifel am Sinn ihres Tuns überkommen sie, die Frage nach dem, was bleibt, zermürbt sie, sodass die unverhoffte Begegnung mit der Schwangeren ihr wie ein Wink des Schicksals vorkommt.
Rose nimmt die frischgebackene Mutter mitsamt Säugling in ihre Obhut, und Mickey fügt sich zähneknirschend ihrem Willen - solange sie nur glücklich ist.
Soweit so gut und stringent - nur, dass an diesem Punkt der Handlungsstrang in zwei auseinander laufende Richtungen auszufasern beginnt. Die Geschichte des inzestuösen Killerpaares Mickey und Rose hier, Mickeys unfreiwillige Verbindung mit der jungen Mutter Vicki mitsamt Kind dort, und überhaupt das Metathema Gewalt, denn schließlich ist “Shadowboxer” ja ein Thriller übers routinierte Morden, und davon gibt’s zwischendrin immer wieder ordentlich was um die Ohren. Anscheinend hatte Regisseur Daniels nach Halbzeit auch den Eindruck, da läuft was auseinander, und so zieht er die Notbremse und - Vorsicht Spoiler! - kappt er einfach einen Erzählstrang. Mickey liebt Rose ein letztes Mal und erschießt sie dabei, mit ihrem Einverständnis. Bleibt also noch die Geschichte von Mickey und Vicky plus Kind. Vater des Kleinen ist der Oberkiller Clayton, gleichzeitig Auftraggeber für den nicht ausgeführten Mord an seiner lästig gewordenen Freundin. Als Clayton erfährt, dass Mutter und Kind ausgerechnet beim verhinderten Auftragsmörder Unterschlupf gefunden haben, ist er wenig amüsiert und sinnt auf Rache - was den Plot für die zweite Hälfte des Films besorgt. Leider ist diese zweite Geschichte wesentlich uninteressanter als die Mutter-und-Sohn-Saga, und so mündet “Shadowboxer” unvermeidlich in ein Finale, dessen Banalität nur noch enttäuschen kann.
Daniels’ Dilemma zeigt sich auch in der Inszenierung: zu oft schwankt er in Stil und Ton zwischen gewöhnlichen Thriller und ambitionierter Stilisierung der Mutter-und-Sohn-Geschichte. “Shadowboxer” gibt sich abwechselnd als geradeaus erzählter Actionthriller und (nicht wirklich überzeugend) als artifizieller Kunstfilm, zwischendrin drohen die parodistischen Elemente immer mal wieder überhand zu nehmen, etwa in der Nebengeschichte um Vickis Freundin Neisha, die von Macy Gray mit deutlichem Hang zur Komödie gespielt wird.
Dass der Film dennoch lohnende Momente hat, liegt an der pointierten Besetzung. Natürlich glänzt Helen Mirren in ihrer Rolle, gerne hätte man mehr davon gesehen. Stephen Dorff als entfesselter Mafioso sorgt immerhin für eine der denkwürdigsten Sex-Szenen der letzten Jahre, in der ein Kondom zum Einsatz kommt und zwei an sich Unbeteiligte dran glauben müssen - auch Safer Sex kann mitunter mörderisch sein! Ähnlich parodistisch sind die Rollen von Mo’Nique und der bereits erwähnten Macy Gray (die offensichtlich nach einer neuen Lebensaufgabe sucht, nachdem ihre Musikkarriere vollends versandet ist) angelegt. Keinen Gefallen getan hat sich der Regisseur mit der Besetzung von Cuba Gooding Jr. in der Hauptrolle. Für einen gewöhnlichen Actionreißer wäre der sicher passend gewesen, doch in Daniels’ ganz offensichtlich ambitionierterem Film wirkt Gooding durchweg deplaziert. Nicht nur, dass er als Schauspieler ein bisschen zu schlicht ist für eine so ambivalente Rolle (seinem Oscar zum Trotz) und allein dadurch schon unglaubwürdig wirkt, stattdessen soll er dem Zuschauer obendrein auch noch als Sexobjekt verkauft werden nach dem sich sämtliche weiblichen Charaktere des Films verzehren - was bei einem Mann von der eher bescheidenen Attraktivität eines Cuba Gooding Jr. gelinde gesagt grotesk wirkt.
Bleibt ein zwiespältiges Fazit: “Shadowboxer” ist mit allen Vor- und Nachteilen eines Independent-Films reichlich ausgestattet. Er ist interessanter als die Standardthriller der großen Studios, aber gleichzeitig auch weniger routiniert und weniger gradlinig. Zu uneinheitlich ist die Regie, zu unentschlossen das Drehbuch.
Die DVD-Umsetzung ist auf Standardniveau: Bild- und Tonqualität sind tadellos, neben dem Trailer gibt es das obligatorische Making-Of mit Interviews des Regisseurs und der Hauptdarsteller. Dabei vermittelt eine eigentlich nebensächliche Anekdote um ein gemietetes Zebra, das das bescheidene Budget zu sprengen drohte, einen ganz konkreten Eindruck von den wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen abseits der großen Studios gearbeitet wird. Das überrascht dann doch, denn der Film lässt Sparzwänge kaum erahnen - was natürlich für den Regisseur spricht.
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