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Rache auf Französisch: Ein junges Mädchen, Melanie, bewirbt sich bei einem Konservatorium. Das Klavierspielen ist ihre größte Leidenschaft, sie gilt als überdurchschnittlich talentiert. Doch während sie der Jury vorspielt bringt sie eines der Jurymitglieder, eine bekannte Pianistin, durch eine Unachtsamkeit um die Konzentration. Melanie verspielt sich, und die Jury lehnt sie ab. Wieder zuhause, schließt sie ihr Klavier ab und gibt das Spielen auf.
Jahre später, aus dem jungen Mädchen ist eine attraktive junge Frau geworden, tritt Melanie ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei an. Der Anwalt ist verheiratet mit Ariane Fouchécourt, der Pianistin, die Melanie einst um die Aufnahme ins Konservatorium brachte. Ariane erkennt sie nicht wieder, doch Melanie ist nicht zufällig hier. Allmählich gewinnt sie das Vertrauen des Paares, das sie schon bald beauftragt, vorübergehend aufs Anwesen der Fouchécourts zu ziehen, um auf den Sohn Tristan aufzupassen. Ariane ist derweil mit den Vorbereitungen für ein Konzert beschäftigt, das nach einer Reihe von Misserfolgen ihre Karriere retten soll, es ist ihre letzte Chance. Langsam und zielsicher dringt Melanie immer weiter in das Leben der Fouchécourts vor, und nachdem sie der nervlich äußerst angeschlagenen Ariane bei den Proben assistiert, wird sie zur Seitenumblätterin bei Arianes Konzerten. Melanie ist am Ziel, denn nun hat sie Ariane in der Hand. Während die immer labiler werdende Pianistin zunehmend auf die beruhigende Anwesenheit Melanies angewiesen ist, interessiert das Mädchen, das die Seiten umblättert, nur eins: Rache zu nehmen an Ariane, die ihren Lebenstraum zunichte gemacht hat. Wie eine Katze schleicht Melanie durch die Räume; mit wachem Blick beobachtet sie die Fouchécourts und beginnt, das Leben der Familie mit kleinen Nadelstichen zu traktieren.
Es ist nicht nur die Karriere Arianes, die Melanie zerstören wird. Als Melanie eines Morgens, während alle anderen schlafen, das Haus endgültig verlässt, hat sie dafür gesorgt, dass das so vorbildlich geordnete Leben der Fouchécourts wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Es ist die ganze streng arrangierte bürgerliche Ordnung, die die aus einfachen Verhältnissen stammende Melanie untergräbt. Dabei bleibt sie kalt, regungslos, verschlossen. Ein Sympathieträger ist sie nicht, doch Denis Dercourt, der Regisseur, zeigt dieses so endgültig verhärtete und entmenschlichte Mädchen inmitten einer Welt, die nicht minder kalt und emotionsarm ist. Damit tritt er natürlich in die Fußstapfen des großen Bourgeoisie-Hassers des Französischen Kinos, Claude Chabrol. Wie Chabrol seine Protagonisten aussendet, um Chaos und Zerstörung in die bürgerlichen Scheinwelten zu bringen, so lässt Dercourt Melanie wie ein Racheengel ihr zerstörerisches Werk verrichten in einem Umfeld, das Emotionen hinter einer Fassade von kalter Effizienz verbirgt. Es ist kein Zufall, dass die Herkunft Melanies - ihre Eltern sind Metzger - überdeutlich ins Bild gerückt wird (während Melanie als junges Mädchen am Klavier übt, zerlegt ihr Vater Fleischstücke). Die Chabrolsche Dichotomie von der Bourgeoisie und ihrer Nemesis, der Arbeiterklasse, ist in der Vergangenheit aber filmisch nicht nur arg strapaziert worden, sondern sie ist heute schlicht überholt, womit sich bei einem jüngeren Regisseur wie Dercourt die Frage nach dem warum stellt. Treibt Chabrol ein gesellschaftliches Anliegen an, das unverkennbar in den späten 60er Jahren verwurzelt ist und mittlerweile fast anachronistisch wirkt, so ist Dercourts Anliegen schwieriger zu fassen. “Das Mädchen, das die Seiten umblättert” ist insgesamt streng und diszipliniert durchkomponiert, die Schauspieler agieren sparsam und kontrolliert in leblosen Räumen wie Mäuse im Labor. Dercourt ist selbst professioneller Musiker, er spielte die Bratsche im Orchestre Symphonique Francais, und so geht er seinen Film an wie eine musikalische Komposition für ein Orchester. Hier ist nichts dem Zufall überlassen, es gibt keinen Raum für Spontaneität oder Improvisation. Jede Bewegung, jede mimische Nuance dient einem Zweck. Das ist nicht immer zum Besten des Films, häufig wirken Szenen erstarrt wie bebilderte Traktate, und die Figuren sind mitunter etwas zu leblos geraten. Der musikalische Hintergrund vermag vielleicht die Liebe zur Form erklären, doch er verleiht dem Geschehen keinen eigentlichen Sinn. So hinterlässt der Film letztlich einen seltsamen Eindruck von Leere. Menschlich nachvollziehbar ist Melanies Racheplan kaum, und ein sinnstiftender Überbau à la Chabrols Gesellschaftskritik ist nicht zu erkennen.
Dennoch lässt Dercourts Film den Zuschauer nicht los, denn er entfaltet eine Sogwirkung, die oft gerade dann entsteht, wenn der Zuschauer längst weiß, wie das Spiel ausgehen wird. Auch hier ist früh klar, dass Melanie die kontrollierte Welt der Fouchécourts zerstören wird, die Spannung entsteht allein aus der Frage nach dem “wie”. Tatsächlich ist Melanies Racheplan wesentlich subtiler, komplexer und infamer, als man zunächst erwarten wird. Wirkliche Spannung erzeugt Dercourt dabei nicht, es ist eher die Faszination des unausweichlichen Untergangs, die den Zuschauer bannt.
Catherine Frot brilliert in der Rolle der zunehmend verunsicherten Ariane, weitaus undankbarer ist dagegen der Part der Melanie, den die belgische Schauspielerin Déborah Francois übernimmt. Ihr bleibt kaum Raum für Nuancen, denn die Rolle ähnelt eher einer Sphinx als einer realen Person. Francois spielt sie fast minimalistisch, starr und ausdruckslos.
Wer Vergnügen hat an filmischer Raffinesse, an Feinheiten und durchkomponierten Bildern, an der Herausforderung einer sich langsam entfaltenden Tragödie, wird hier sicher auf seine Kosten kommen. “Das Mädchen, das die Seiten umblättert” begeisterte bereits auf den Filmsfestspielen in Cannes die Zuschauer und lief auch in deutschen Kinos mit Erfolg. Seine DVD-Umsetzung erfährt er jetzt bei Alamode Film, die sich immer mehr als Spezialisten für anspruchsvolles zeitgenössisches und klassisches Kino erweisen. Bei Arthaus dürfte man das aufmerksam verfolgen, denn hier wächst ein ernstzunehmender Konkurrent heran. “Das Mädchen, das die Seiten umblättert” fügt sich ideal ein in ein Programm, das mittlerweile von Gus van Sant und Dominik Moll bis hin zu Klassikern wie Louis Malle und Jean-Luc Godard reicht und daneben auch Raum für abwegigeres lässt wie Matthew Barney, Allen Baron oder gar David Hamilton (Mut zum Trash!).
Die DVD-Umsetzung von Denis Dercourts Film ist gelungen, ohne allerdings besondere Schmankerl zu bieten. Bild- und Tonqualität sind einwandfrei, selbst die deutsche Synchronisation ist zu ertragen (ein immer seltener werdendes Phänomen), und außer dem deutschen Ton gibt’s das französische Original mit zuschaltbaren Untertiteln. Neben einem Trailer findet man auf der DVD ein knapp 40 minütiges Making-Of, in dem Regisseur und Schauspieler Einblick geben in die Entstehung des Films und besonders die Parallelen zwischen Musik und Film erläutern, zuletzt gibt es noch diverse Trailer zu weiteren Filmen aus dem Alamode-Programm. Eine limitierte Edition der DVD beinhaltet zusätzlich eine CD mit dem Soundtrack.
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