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“Ministry of Fear” ist Langs 1944 entstandene Verfilmung der ein Jahr zuvor erschienenen Novelle “The Ministry of Fear” von Graham Greene. Der Film gehört in eine Reihe antinationalsozialistischer Suspense-Thriller, die meist deutlich propagandistische Züge tragen. Nach “Man Hunt” (1941) und dem zusammen mit Bertolt Brecht gefertigten “Hangmen Also Die!” (1943) ist dies Langs dritter Film, der sich der Thematik annimmt. Doch anders als in den beiden Vorgängern tritt die politische Intention hinter der an Hitchcock angelehnten Spannungsdramaturgie zurück. Das Motiv einer deutschen Spionage-Organisation ist bloße Staffage, zu der sich die Regie kaum in Bezug setzt, das von deutschen Luftangriffen zerbombte London erscheint als entnaturalisierte Kulisse, die einer komplexen Lichtregie unterworfen wird.
Stephen Neale (Ray Milland) wird aus der Nervenheilanstalt von Lembridge entlassen, in der er zwei Jahre einsitzen musste, weil er seiner kranken Frau, die unter entsetzlichen Schmerzen litt, Gift verabreichte. Er entschließt sich trotz der anhaltenden Luftangriffe nach London zu fahren, in der Hoffnung dort ein neues Leben zu beginnen. In der Nähe des Bahnhofs findet ein Wohltätigkeitsfest der “Mütter der freien Nationen” statt, eine aufgescheuchte Horde altjüngferlicher, schrulliger Damen. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, nimmt Neale an dem Fest teil. Mit Hilfe einer affektiert auftretenden Hellseherin gewinnt er an einem der Stände eine Torte. Das übertrieben ausgestellte, sonderbare Benehmen der Damen weist bereits daraufhin, dass sich hinter dem scheinbar harmlosen Gewinn ein besonderes Geheimnis verbirgt. Zumal er Neale wieder streitig gemacht werden soll, nachdem ein in einem schwarzen Mantel gehüllter Mann auf dem Fest erscheint. Neale lässt sich die Torte jedoch nicht abschwatzen und besteigt mit ihr das Zugabteil. Ihm gegenüber nimmt ein alter Mann Platz, der vorgibt blind zu sein. Als der Zug aufgrund eines Luftangriffs zum halten kommt, wird Neale von dem Mann niedergeschlagen. Dieser nimmt die Torte an sich und flüchtet in ein an den Zuggleisen gelegenes Moor. Neale folgt ihm. Der alte Mann verschanzt sich in einer Hausruine, während er wild auf seinen Verfolger zu schießen beginnt. Kurz darauf wird die Ruine von einer der niedergehenden Bomben getroffen.
Bis hierhin hat der Film das irreale Geschehen in stygisches Dunkel getaucht. Neale wird erst am Abend bei Dunkelheit aus der Anstalt entlassen. Er muss den Nachtzug nach London nehmen. Die Kamera verweigert wohl aufgrund der beschränkten Produktionsverhältnisse eine Totale des Zuges. Lediglich ein kurzer Abschnitt des Wagons und das pechschwarze Abteil sind zu sehen. Um bei Luftangriffen getarnt zu sein, werden nur die Notlichter in Betrieb genommen und die Gäste aufgefordert, die mit Rollos versehenen Fenster verschlossen zu halten. Die nächtliche Verfolgungsjagd durch das Moor erfolgt vor einem deutlich zweidimensionalen, artifiziellen Himmel. Das Szenario streift die Topographie des Horrorfilms.
In London angekommen begibt sich Neale zu dem Büro der “Mütter der freien Nationen”. Geleitet wird es von dem jungen Geschwisterpaar Carla und Willi (Marjorie Reynolds und Carl Esmond), das dem Fremden, nachdem er seine merkwürdige Geschichte vorgebracht hat, bereitwillig Hilfe anbietet. Der junge Mann führt Neale in das Haus der Hellseherin. Diese erweist sich jedoch nicht als die ältere, schlecht kostümierte Dame, die sich auf dem Wohltätigkeitsfest an der Kunst des Händelesens versuchte. Eine klassische Femme Fatale (Hillary Broke) tritt den beiden Männern entgegen, blond, eisig, ein schönes, statuenhaftes Gesicht, während Kleidung, Schmuck und Körperspannung aristokratische Würde und Distanz evozieren. Sie bittet die Männer an einer Seance teilzunehmen. Ebenfalls anwesend ist der Mann, der auf dem Fest die Torte für sich beanspruchte. Die Gäste werden gebeten in einem Kreis Platz zu nehmen und diesen mit ihren Händen zu schließen. Das Licht wird verlöscht, während die Glaskugel in den Krallen einer im Zentrum des Raumes platzierten Drachenstatue aufleuchtet. Mit Spotlights werden die Gesichter der Anwesenden aus der Dunkelheit geschält, das Gesicht der Hellseherin gerät zur dämonischen Maske. Eine weibliche Stimme ertönt, die Neale anklagt, ihr Gift gegeben zu haben. Daraufhin fällt ein Schuss, der als Lichtblitz die Dunkelheit durchdringt. Ein Tumult bricht aus. Als das Licht wieder angeschaltet wird, liegt auf dem Boden der Mann, der Neales Gewinn beanspruchte, mit einer blutigen Einschusswunde an der Schläfe. Neale, der einen Revolver bei sich trägt, wird von den Gästen beschuldigt, der Mörder zu sein. So bleibt ihm nur noch die Flucht. Carla bietet sich als Schutzengel an. Sie versucht ihn in dem Hinterzimmer einer Buchhandlung vor der Polizei und dem Spionagering, dem Ministerium der Angst zu verstecken.
Fritz Langs Noir ist ein Film über Täuschungen, Tarnungen, über Fassaden. Blinde werden sehend, freundliche alte Damen zu gefährlichen Agenten und selbst der Tod scheint keineswegs sicher. Darin ist der Film dem Werk Hitchcocks verwandt (wie auch Langs Neigung zu Figuren, die von einem in der Vergangenheit liegenden Ereignis getrieben werden), berührt damit aber auch Grundmotive des Film Noirs und des Spionage-Thrillers. Die Inszenierung gerät dabei immer wieder in die Nähe des Phantastischen, des Irrealen, Elemente, die schon die Mabuse-Filme auszeichnete, aber auch spätere Noirs wie “Scarlett Street” oder “The Big Heat” prägte. Unterstützt wird dies durch das Desinteresse an einem nachvollziehbaren Handlungsraum. Die Regie sprengt den Rahmen des klassischen Erzählkinos auf und scheint die faustgroßen Logiklöcher des Drehbuchs noch zu betonen. Die Inszenierung der labyrinthischen, kafkaesk erscheinenden Stadt, die Positionierung der Figuren in den Kulissen, der Aufbau der einzelnen Sequenzen ist entscheidender als die Verbindung zwischen den Teilen. Die Filmkritik war dementsprechend zwiegespalten. So schrieb Manfred George in einer zeitgenössischen Rezension zum Film, dass dieser fast nur aus einer verwirrenden Aneinanderreihung von Höhepunkten bestehe.
Die fesselnde Wirkung des Films liegt dabei nicht nur in der meisterlichen Umsetzung einzelner Episoden begründet. Gerade das eindrückliche Spiel von Milland schafft dort Verbindungen, wo die Handlungsfäden nicht mehr zueinander finden. An einigen, wenigen Stellen gerät der Sog etwas ins Stocken, immer dann wenn die Regie gezwungen ist, dem Drehbuch Tribut zu zollen bzw. sich doch um Anschlüsse bemüht. Aber die Torte bleibt reiner MacGuffin. Was sie enthält, ist ebenso irrelevant wie die Entlarvung des Spionageringes. Selbst in diesen Leerstellen findet die Form noch zu eindrucksvollen Perspektiven, dringt die paranoide Grundstimmung bis in kleinste Details vor.
Langs großartiger “Ministry of Fear” ist bei Universum Film in der Reihe der Hollywood Highlights erschienen. Der Film ist in einer für das Alter des Films angemessenen Qualität enthalten und bietet sowohl die deutsche wie die englische Tonspur (allerdings ohne Untertitel). Extras sind abgesehen von einer Trailershow zu weiteren Filmen der Reihe leider keine enthalten.
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