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Brad Andersons “The Machinist” war eine der Überraschungen auf dem Fantasy Filmfest 2004. Den Grund dafür lieferten weniger seine formalen Qualitäten, als viel mehr die Tortur der sich Hauptdarsteller Christian Bale aussetzte. Über 30 Kilo Körpergewicht verlor er, um als menschliches Skelett durch diesen Film zu wandeln. Dieser Umstand war umso sensationeller, weil doch gerade Bale Essenz und Ideal moderner Körperkultur repräsentierte wie kaum ein anderer, in dieser Rolle eigentlich fast noch überzeugender als der prominentere Brad Pitt.
Seine Figur Trevor Reznik ist jedoch das genaue Gegenteil. Ein vollkommen abgemagerter und an Schlafstörungen leidender Protagonist, der sich eher introvertiert gibt und dessen wenige menschliche Kontakte seine Isolation unterstreichen. Zu ihnen gehören eine Prostituierte und die Kellnerin an einer Flughafenbar, die er aufgrund seiner Schlaflosigkeit nachts besucht, wenn kaum noch Gäste anwesend sind.
Trevor arbeitet als Maschinist. Auch in seiner Fabrik ist er Außenseiter. Dies verstärkt sich, als nach einem zum Teil durch ihn verschuldeten Unfall ein Kollege einen Arm verliert. Ein seltsamer, diabolisch wirkender Arbeiter lenkte ihn bei der Wartung einer Maschine ab. Es stellt sich jedoch heraus, dass dieser angeblich gar nicht existieren soll.
Als sich Trevors Arm ebenfalls in einer Maschine verklemmt, beginnt er seine Arbeitskollegen zu verdächtigen, dafür verantwortlich zu sein. Er fühlt sich verfolgt. Seine Paranoia wird unterstützt durch das regelmäßige Auffinden von Zetteln, auf denen ein fortschreitendes Galgenspiel gezeichnet ist. Seiner Umwelt beginnt er zunehmend zu misstrauen und um ihn herum verdichten sich die Zeichen seiner verdrängten Vergangenheit.
Bale gibt nicht nur durch seine desolate Erscheinung dem Method Acting eine neue Dimension, sondern seine schauspielerische Leistung trägt den Film, trotz der alles andere als schwachen Nebendarsteller (u.a. Michael Ironside aus Cronenbergs “Scanners”).
Die Kamera studiert sein Gesicht, seinen Körper, während eine expressive Lichtgestaltung ihn zergliedert, Schatten auf ihn wirft und Teile des Körpers hervorhebt. Nie hat man eindrucksvoller seelische Zerrissenheit im Film darstellen können als in der Zeit des Expressionismus. Anderson hat sich deutlich von diesen Filmen beeinflussen lassen. Bales wandelndes Skelett erinnert auch ein wenig an Conrad Veidts Somnambulen Cesare aus “Das Cabinet des Dr. Caligari”.
Die Farben des Films wirken ausgebleicht, ausgezehrt genau wie Bales Erscheinung. Die Umgebung die wir wahrnehmen ist ganz die des Protagonisten, entspricht ihm und erscheint von ihm erschaffen - die leere Flughafenhalle genauso wie das monochrome Industriegelände, auf dem er arbeitet. Im Expressionismus überflutet das Ich die Welt, schrieb Hatvani. In der Inszenierung trifft Kafka auf Dostojewski. In beachtlicher Größe liegt dessen Roman “Der Idiot” auf Trevors Schreibtisch, als einer der vielen Hinweise, dass ähnlich wie bei dem wichtigen russischen Autor zentrale Themen des Films “Schuld” und die “Gespaltenheit des Menschen” sind.
Trevors unheimlicher Kollege, von dessen Existenz nur er selbst überzeugt ist, entpuppt sich als Personifizierung der eigenen Schuld, die in der verdrängten Vergangenheit liegt. Eine verstörende Geisterbahnfahrt mit dem Jungen der Kellnerin verdeutlicht noch einmal zusätzlich, dass eigentlich der ganze Film eine Reise in die Psyche von Trevor ist.
Worin diese Schuld besteht, löst das Drehbuch am Ende vollkommen schlüssig auf. Die Suche nach Logiklöchern führt hier ins nichts. Eine gute Leistung könnte man denken, aber gerade darin besteht eine der größten Schwächen des Films. David Cronenberg begeht am Ende seines ähnlich gelagerten Films “Spider” einen vergleichbaren Fehler. Auch bei ihm steht das Trauma der Vergangenheit einer psychisch gestörten Persönlichkeit zentral im Mittelpunkt und die Kamera folgt seiner Wahrnehmung. Und auch hier wird schlussendlich eine Lösung angeboten. Doch Cronenberg lässt in seinem weitaus komplexeren und stilistisch konsequenteren Film Zwischenräume, da der Film sich selbst zu sehr in der Psyche seines Protagonisten verliert, um das Puzzle endgültig zusammenfügen zu können. Die Lösung in Andersons Film soll hier nicht verraten werden, aber sie enttäuscht, wirkt fast banal und lässt einer klaren Realität den Sieg.
Der Film gibt sich ausgesprochen elegant mit seinen langsamen Kamerafahrten und Einstellungen sowie der guten Komposition der Filmelemente. Als am Anfang die Musik einsetzt, erinnert sie an die Scores von Hitchcock. Ein Psychothriller ohne Verweis auf den Altmeister scheint nicht mehr möglich. Die berühmte Duschsequenz aus “Psycho” wird hier ebenso zitiert. Die Verpflichtung von Anna Massey die in Powells “Peeping Tom” spielte und in Hitchcocks “Frenzy”, dem Mörder zum Opfer fiel, verwundert da kaum.
Aber da wo bei Truffaut noch Nouvelle Vague und Hitchcock-Verweise eine aufregende Symbiose ergaben oder De Palma wild mit Zitaten des Meisters spielte, bleibt Anderson in der Hommage gefangen. Die Unsicherheit über die eigene Wahrnehmung oder der Zerfall der Realität sind aus Harveys wesentlich visionärerem “Carnival of Souls” entlehnt, bei dem sich ja schon Shyamalans “The Sixth Sense” bediente.
Film Noir Montage, der bereits erwähnte expressionistische Film, Carol Reed und Orson Welles klingen in dem durch und durch epigonalen Werk an. Eine Szene aus Reeds Noir-Klassiker “Der dritte Mann” wird recycelt, wenn Trevor, verfolgt von der Polizei, sich in die U-Bahn und dann in die Kanalisation flüchtet. Welles ist da ebenfalls nicht fern und die Einstellung in der Trevor in der Fabrik, im Büro des Chefs steht, im Hintergrund Reihen von kalten Neonlampen, lässt unweigerlich Erinnerungen an Anthony Perkins und Welles Adaption des Kafkaromans “Der Prozess” wach werden. Hier wird einem filmischer Historismus geboten - die Postmoderne als Wiederkehr des Ewiggleichen.
Für Bale, dessen Filmographie zwischen ambitionierten Projekten ( “American Psycho”, “Velvet Goldmine”) und purem Trash ( “Die Herrschaft des Feuers”) schwankt, ist dieser Film schauspielerisch sicherlich ein Sprung nach vorn.
Für den noch relativ jungen Anderson ist dies zumindest der erste Film, dem etwas größere Aufmerksamkeit zuteil wurde, auch wenn er hier zu keiner eigenen Filmsprache gefunden hat. Was bleibt ist ein schön anzusehender Film, dessen technische Versiertheit und dessen Gespür für atmosphärische Dichte Talent verrät, der aber filmgeschichtlich ohne Bedeutung bleibt.
Die von e-m-s zur Verfügung gestellte Presse DVD befand sich in einem undiskutablen Zustand, die leider eine noch eingehendere Betrachtung des Films an dieser Stelle verhinderte. Unfasslich wie man aller anderthalb Minuten Einblendungen vornehmen kann, die zudem ins Bild hineinragen und ein Betrachten des Films unmöglich werden lassen. Vor allem ist diese Darbietung vollkommen respektlos gegenüber dem Film. So kann an dieser Stelle leider auch keine Empfehlung für die DVD ausgesprochen werden.
Der Film ist in einer Special Edition erschienen, die einiges an Zusatzmaterial enthält. Darunter befindet sich eine 30minütige Dokumentation, deren Augenmerk auf den Dreharbeiten zum Film liegt und nur am Rande die Hintergründe des Films betrachtet. An einigen Stellen steht der Werbecharakter zu sehr im Vordergrund.
Die Behind-the-Scenes Featurette liefert dann noch einmal 20 Minuten lang Eindrücke vom Set. Die “Deleted Scenes” sind sehr interessant, da hier einige weitere der hervorragend ausgesuchten Schauplätze des Films präsentiert werden. Der Rest der Extras besteht aus Standards wie Trailern, einer Bildergalerie oder Biographien der Macher und Mitwirkenden.
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